Seri­en­ro­man BOGY

In den letz­ten Wochen des Schul­jah­res prä­sen­tie­ren wir euch immer mitt­wochs unse­ren fort­lau­fen­den Seri­en­ro­man – einen Kri­mi an unse­rer Schule!

Viel Freu­de beim Rät­seln und Mitfiebern

der Wahl­kurs Krea­ti­ves Schreiben


Die selt­sa­me Gestalt


In der Nacht zum Sams­tag lag das Bogy still im Regen. Das schwa­che Licht der Stra­ßen­la­ter­nen spie­gel­te sich auf den nas­sen Fens­tern, wäh­rend auf dem Schul­ge­län­de völ­li­ge Ruhe herrsch­te. Gegen 22 Uhr durch­brach ein lei­ses Klir­ren die Stil­le. Die Ursa­che war eine schwarz geklei­de­te Gestalt mit einem Ruck­sack auf dem Rücken, die ein Fens­ter ein­warf und hin­durch kletterte.
Anschlie­ßend lief sie durch die dunk­len Gän­ge. Dabei wirk­te es, als ken­ne sie sich im Gebäu­de sehr gut aus, denn sie ging ohne Umwe­ge direkt zum Sekre­ta­ri­at. Dort befand sich ein gro­ßer grau­er Tresor.
Nach­dem sie den Ruck­sack geöff­net hat­te, hol­te sie einen Schweiß­bren­ner und eine Schutz­mas­ke her­vor. Weni­ge Augen­bli­cke spä­ter erhell­te ein rot-oranger Feu­er­strahl den Raum. Wäh­rend Fun­ken durch die Luft flo­gen, begann das Metall des Tre­sors zu schmel­zen. Die Arbeit dau­er­te eini­ge Zeit, doch schließ­lich gab das Mate­ri­al mit einem lau­ten Kna­cken nach und die Tre­sor­tür sprang auf.
Die Gestalt griff in den Tre­sor und nahm einen klei­nen metal­li­schen Gegen­stand her­aus. Ohne den Gegen­stand näher zu betrach­ten, ver­stau­te sie ihn sofort in sei­nem Ruck­sack. Offen­sicht­lich hat­te sie genau das gefun­den, wonach sie gesucht hat­te. Dar­auf­hin pack­te die mys­te­riö­se Per­son ihre Aus­rüs­tung zusam­men und ver­ließ das Büro eilig. Weni­ge Sekun­den spä­ter war sie ver­schwun­den und nur noch das Geräusch des Regens zu hören.


Am Mon­tag­mor­gen wur­de der Ein­bruch ent­deckt. Die Sekre­tä­rin fand den beschä­dig­ten Tre­sor vor und ver­stän­dig­te sofort die Poli­zei. Wenig spä­ter stan­den zwei Poli­zei­wa­gen vor dem Schulgebäude.
Auch die Geschwis­ter Emi­lia und Lou­is bemerk­ten die unge­wöhn­li­che Situa­ti­on, als sie zur Schu­le kamen. Von einem Mit­schü­ler erfuh­ren sie, dass ein­ge­bro­chen wor­den war.
„Irgend­et­was wur­de gestoh­len“, erklär­te er, „aber anschei­nend weiß nie­mand genau was.“

Die Gerüch­te


Nach dem Ein­bruch ent­stan­den schon die ers­ten Gerüch­te über die Beu­te, doch die meis­ten ahn­ten nicht ein­mal, dass ihnen eine Kata­stro­phe bevor­stand! Nach­dem Emi­lia und Lou­is von den ers­ten Gerüch­ten berich­tet bekom­men hat­ten, läu­te­te auch schon die Schul­glo­cke. Emi­lia frag­te Lou­is: „Was haben wir eigent­lich in der ers­ten Stun­de?“ Dar­auf ant­wor­te­te Lou­is, der den Stun­den­plan wie immer aus­wen­dig kann­te: „Infor­ma­tik, Ver­tre­tung bei Herrn Mayr, danach Geschich­te, zwei­mal Deutsch und zwei­mal Mathe.“
Nun beeil­ten sie sich, los­zu­kom­men. Als sie anka­men, ihre PCs ange­schal­tet hat­ten und auf­ge­stan­den waren, gröhl­te Herr Mayr: „Guten Mor­gen!! Und nein, die Lei­er könnt ihr weg­las­sen. Ihr bekommt von mir den Auf­trag, einen Text über ein Gerücht zum Ein­bruch zu schrei­ben! Ihr könnt euch unter­hal­ten, aber ihr dürft mich nicht stö­ren, klar?“ Die gan­ze Klas­se ant­wor­te­te im Chor: „Ja, Herr Mayr!“
Kaum hat­ten alle mit der Auf­ga­be begon­nen, wur­de wie­der über den Ein­bruch gespro­chen. „Mein Bru­der hat gehört, dass die Kas­se mit den 1000 Euro für das Klas­sen­fest gestoh­len wur­de“, erzähl­te Paul sei­nem Sitznachbarn.
„Das stimmt doch gar nicht“, erwi­der­te die­ser. „Ich habe gehört, dass die Die­be alte Prü­fun­gen gesucht haben.“ Ein paar Rei­hen wei­ter flüs­ter­te Marie Emi­lia zu: „Mei­ne Schwes­ter meint, die Ein­bre­cher hät­ten einen Tre­sor vol­ler Geld gefun­den.“ „Davon habe ich auch gehört“, sag­te Emi­lia, „aber bis jetzt weiß doch nie­mand etwas Genaues.“
Wenig spä­ter bekam Lou­is ein wei­te­res Gerücht erzählt. Tim beug­te sich zu ihm her­über und sag­te: „Angeb­lich wur­den die 1000 Euro für das Klas­sen­fest geklaut.“ „Das erzäh­len gera­de vie­le“, ant­wor­te­te Lou­is. „Wahr­schein­lich stimmt es nicht ein­mal.“ So ver­gin­gen Schul­stun­den über Schul­stun­den. Die Leh­rer konn­ten kor­ri­gie­ren, und es wur­de fast nur noch über den Ein­bruch geredet.
Nach sechs Stun­den, die wie im Flug an den Schü­lern vor­bei­ge­zo­gen waren, gin­gen Lou­is und Emi­lia nach Hau­se. Auf dem Weg plopp­te eine Nach­richt auf Emi­li­as Han­dy auf. „Das wird mei­ne Freun­din wegen des Tref­fens sein!“, mein­te Emi­lia. Doch die Nach­richt hat­te kei­nen Absender.

Nach­dem sie sicher­heits­hal­ber alles geprüft hat­te, öff­ne­te sie die Nachricht…

Der gehei­me Handel

Am nächs­ten Mor­gen konn­te Emi­lia an kaum etwas ande­res den­ken. Immer wie­der kehr­te sie gedank­lich zu der unbe­kann­ten Nach­richt zurück. Wer konn­te sie geschickt haben? Und woher hat­te die­se Per­son ihre Nummer?

Als Lou­is zu ihr ins Zim­mer kam, hielt sie ihm das Han­dy unter die Nase. „Wir müs­sen mehr hier­über her­aus­fin­den!“, sag­te sie und zeig­te ihm die Nach­richt. „Die hast du mir schon zig mal gezeigt!“, murr­te Lou­is. Dann rezi­tier­te er sie auswendig:
„Ich habe nicht nur das Geld für das Schul­fest. Ich habe auch den USB-Stick mit den Zugangs­da­ten zum Noten­re­gis­ter. Für 15 Euro ver­bes­se­re ich jede Note um genau einen Punkt. Wenn du Inter­es­se hast, ant­wor­te mit JA.

Ich hab dir doch gesagt, dass das wahr­schein­lich nur ein Scherz ist.“ Emi­lia fun­kel­te ihren Bru­der an, war­um glaub­te er ihr nicht, dass das ein erns­tes Pro­blem war? „Ich glau­be nicht, dass das nur eine Nach­richt ist. Woher soll, wer auch immer, mei­ne Num­mer haben?“ Lou­is roll­te mit den Augen und schnapp­te sei­nen Ruck­sack. „Los, wir kom­men zu spät!“, Emi­lia schüt­tel­te den Kopf. Sie steck­te das Han­dy weg und gemein­sam gin­gen sie zur Schule.

Natür­lich sprach inzwi­schen fast jeder über den Ein­bruch. Doch in der ers­ten Pau­se hör­ten sie etwas Neu­es. Ein Jun­ge aus der Par­al­lel­klas­se stand mit meh­re­ren ande­ren Schü­lern zusam­men. „Ich sag’s euch doch!“, mein­te er. „Ich hab‘ mit­ge­macht.“ „Nie im Leben“, sag­te jemand. „Doch, hab‘ ich. Ich hat­te in Mathe eine Vier. Heu­te steht da plötz­lich eine Drei.“, sagt der Jun­ge über­heb­lich grin­send. „Zeig!“, sag­te Emi­lia und trat näher, um einen Blick auf das Han­dy des Jun­gen zu wer­fen, auf dem die­ser sei­ne Noten­über­sicht geöff­net hat­te. Tat­säch­lich stand dort eine Drei. Lou­is run­zel­te skep­tisch die Stirn. „Das war doch bestimmt schon vor­her so.“ „War es nicht“, erwi­der­te der Jun­ge genervt, „Ich hab‘ ges­tern noch nach­ge­se­hen.“ Sofort stell­ten alle, sie sonst noch zuge­hört hat­ten dem Jun­gen Fra­gen: „Wie hast du bezahlt?“ „Wo muss­te das Geld hin?“ „Geht das auch bei allen ande­ren Fächern?“ Der Jun­ge zuck­te mit den Schul­tern. „Man kriegt alles über die Nach­rich­ten gesagt.“ Eini­ge Kin­der sahen ver­wirrt aus, ande­re nick­ten. Wahr­schein­lich hat­ten eini­ge, wie Emi­lia, schon eine Nach­richt bekom­men, ande­re, wie Lou­is, noch nicht.  Als die Geschwis­ter wei­ter­gin­gen, sag­te eine Wei­le kei­ner etwas, schließ­lich frag­te Lou­is: „Du glaubst ihm?“ Emi­lia nick­te. Lou­is seufz­te gereizt. „Wir soll­ten es tes­ten. Ich hab in NUT eine 2,3.“ Lou­is schüt­tel­te den Kopf. „Ist doch gar nicht schlecht, du soll­test das nicht machen, es klingt nicht sicher und es ist garan­tiert ver­bo­ten!“ „Ja…, aber eine 1,3 wäre bes­ser.“ Lou­is sah sie über­rascht an. Was war mit sei­ner Schwes­ter los? Nor­ma­ler­wei­se hielt sie sich an jede Regel. Er warf ihr einen Sei­ten­blick zu. „Ach komm schon, wir müs­sen her­aus­fin­den, was da los ist! Wie als wir unser Detek­tiv­bü­ro ‚die zwei Semi­ko­lons‘ hat­ten! Das wird lus­tig.“ Lou­is sah sei­ne Schwes­ter lan­ge an. „Ich weiß ja nicht,…“ Sie gin­gen schwei­gend wei­ter. Den gan­zen Unter­richt über bekam Emi­lia den Gedan­ken trotz­dem nicht aus dem Kopf. Nach Schul­schluss gin­gen sie wie immer zusam­men nach Hau­se. Kurz bevor sie den Park erreich­ten, vibrier­te Emi­li­as Han­dy. Sie blieb ste­hen. „Schon wie­der?“, frag­te Lou­is. Emi­lia nick­te. Die Nach­richt war wie­der ohne Absender.

Wenn du inter­es­siert bist, ant­wor­te mit JA.

Wirst du’s machen?“, mur­mel­te Lou­is besorgt. Emi­lia starr­te auf den Bild­schirm. Dann tipp­te sie lang­sam „JA“.

Fast sofort kam die Antwort.

Die Über­ga­be

Lege mor­gen bis 16 Uhr einen undurch­sich­ti­gen Umschlag mit 15 Euro in den hoh­len Baum hin­ter dem alten Spiel­platz. Danach geh sofort weg. Beob­ach­te nichts. Stel­le kei­ne Fragen.”

Das klingt wie aus einem Agen­ten­film“, sag­te Lou­is. „Eher wie aus einem schlech­ten Kri­mi.“, ant­wor­te­te Emi­lia schmun­zelnd. „Ich glau­be nicht, dass du das machen soll­test. Das klingt suspekt.“ Emi­lia ent­geg­ne­te zuerst nichts. Dann mur­mel­te sie lei­se: „Es sind nur 15 Euro…“ Lou­is blieb ste­hen. „Emi­lia!“, rief er. „Ich weiß.“, mur­mel­te sie. „Das ist Betrug.“, schalt er sie. „Ich weiß, aber wir könn­ten das Rät­sel lösen!“ Sie gin­gen schwei­gend wei­ter. Am nächs­ten Nach­mit­tag stan­den sie trotz wei­te­rer Zwei­fel von Lou­is hin­ter dem alten Spiel­platz. Vor ihnen rag­te ein abge­stor­be­ner Baum auf. Im Stamm war ein gro­ßes Loch. „Letz­te Chan­ce zum Umdre­hen“, sag­te Lou­is. Er hat­te die Hän­de in die Taschen gesteckt und stand etwas abseits gegen das Klet­ter­ge­rüst gelehnt.  Emi­lia hielt den brau­nen Umschlag fest umklam­mert „Ich weiß.“, fauch­te sie und gin­ge lang­sam näher, dann schau­te sie vor­sich­tig in das Loch. „Ähm…“, mach­te sie. Lou­is stieß sich mit einem Seuf­zen von dem Gerüst ab. „Was?“, Frag­te er. „Da lie­gen schon wel­che.“, flüs­ter­te Emi­lia. Lou­is beug­te sich eben­falls nach vor­ne. Tat­säch­lich lagen dort meh­re­re brau­ne Umschlä­ge. „Das sind bestimmt sechs… nein… sie­ben., scheint als wür­de wer auch immer das macht ordent­lich dran ver­die­nen.“, mur­mel­te Lou­is. Emi­lia sah ihn mit erschro­cken Augen an. „Dann haben das echt schon meh­re­re gemacht“, flüs­ter­te sie. Lou­is grins­te kurz. „Weißt du… wenn wir die alle neh­men wür­den, hät­ten wir wenigs­tens wie­der ein biss­chen Geld für das Schul­fest.“ Emi­lia dreh­te sich sofort zu ihm um. „Bist du kom­plett ver­rückt? Wir kön­nen doch nicht steh­len!“ „War doch nur—“, ver­such­te Lou­is sich recht zu fer­ti­gen. „Nein! Fal­scher Moment für sol­che Wit­ze!“, zisch­te Emi­lia ihn an. „Was hast du denn?“, frag­te ihr Bru­der. Sie zeig­te nach oben. An einem Later­nen­mast hing eine klei­ne Über­wa­chungs­ka­me­ra. Lou­is wur­de sofort ernst. „Oh.“, brumm­te er. „Dann war das wirk­lich ein schlech­ter Witz.“ „Ein sehr schlech­ter Witz. Sag ich doch.“ Mit zit­tern­den Hän­den leg­te Emi­lia ihren Umschlag zu den ande­ren. „Ist das dein Ernst?“, Frag­te Lou­is ent­setzt. „Komm“, sag­te Emi­lia schnell. Sie gin­gen zurück Rich­tung Stra­ße. Nach unge­fähr zwan­zig Metern blieb Emi­lia wie­der ste­hen. „Was ist jetzt schon wie­der?“, frag­te Lou­is. Emi­lia sah den Baum an. „Das fühlt sich falsch an.“, flüs­tert sie. „Ein biss­chen spät.“, ent­geg­net Lou­is und sieht zur Kame­ra. Sie dreh­te sich um. „Emi­lia!“, rief Lou­is auf­ge­regt, doch sie lief bereits zurück, griff in das Loch, zog ihren Umschlag wie­der her­aus und kam fast ren­nend zurück. „Ich kann das nicht. Wir fin­den eine ande­re Mög­lich­keit das zu klä­ren.“ Lou­is atme­te hör­bar aus. „End­lich eine gute Entscheidung.“

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Kaum war Emi­lia in ihrem Zim­mer, warf sie den Umschlag auf den Schreib­tisch. „Wenigs­tens hab ich die 15 Euro wie­der“, mur­mel­te sie. Sie öff­ne­te den Umschlag. Doch als sie hin­ein­sah, ent­fuhr ihr ein quie­ken. Lang­sam zog sie den Inhalt heraus.Nicht ein Geld­schein. Nicht zwei. Meh­re­re. Sie zähl­te nach. „Zwan­zig… vier­zig… sech­zig… acht­zig?“ Emi­lia starr­te auf die Geld­schei­ne. Sie hat­te den Umschlag mit 15 Euro zurückgeholt.
Jetzt lagen plötz­lich 80 Euro darin.
Und sie hat­te kei­ne Ahnung, woher sie kamen. „Lou­is! Komm bit­te her!“, rief sie. Lou­is trat ins Zim­mer, sah das Geld und Emi­li­as Gesicht, und ließ sei­nen Kopf gegen den Tür­rah­men fallen.