Lern­hil­fen

Sinn­vol­le Hil­fe bei Haus­auf­ga­ben

Soll ich mei­nem Kind über­haupt bei den Haus­auf­ga­ben hel­fen? Und wenn ja, wie soll ich es sinn­voll tun?” Die­se oft gestell­ten Fra­gen sind The­ma des Eltern­brie­fes. Sie bekom­men dar­auf eine gan­ze Rei­he von kon­kre­ten Ant­wor­ten – alle haben sie jedoch ein Grund­prin­zip gemein­sam:

Ja, Sie sol­len Ihrem Kind hel­fen – aber im Sin­ne der Hil­fe zur Selbst­hil­fe. Sie dür­fen Ihrem Kind immer nur so viel Hil­fe anbie­ten, wie unbe­dingt nötig ist, damit es selb­stän­dig wei­ter­ar­bei­ten kann.

Nur dann besteht die Chan­ce, dass Ihr Kind wirk­lich etwas lernt und sei­nen Lern­er­folg auch als eige­nen Erfolg ansieht. Zu viel Hil­fe macht Ihr Kind unselb­stän­dig, ver­hin­dert, dass es eine ähn­li­che Auf­ga­be selbst löst, und lässt Ihr Kind die Erfah­rung machen: „Sel­ber kann ich’s ein­fach nicht.” Lang­fris­tig führt zu viel Hil­fe zum Gegen­teil des Gewünsch­ten – näm­lich zum Ver­sa­gen des Kin­des.

All­ge­mein gilt des­halb auch:

Lösen Sie nie eine gan­ze Auf­ga­be bzw. beant­wor­ten Sie nie eine auf­ge­ge­be­ne Fra­ge voll­stän­dig! Geben Sie Anstö­ße – und las­sen Sie Ihr Kind dann sel­ber wei­ter­ma­chen, ver­bun­den mit einem auf­mun­tern­den Wort („Das schaffst du schon!”).

Die vor­ge­stell­ten Ein­zel­maß­nah­men bau­en auf­ein­an­der auf; wenn eine frü­her genann­te Metho­de nicht reicht, kön­nen Sie einen Schritt wei­ter­ge­hen. Einen Teil der Maß­nah­men kön­nen Sie auch ergrei­fen, wenn Sie von dem Fach, das Pro­ble­me macht, wenig oder gar nichts ver­ste­hen; ein ande­rer Teil ver­langt hin­ge­gen Fach­kennt­nis­se. Wenn Sie mer­ken, dass Sie selbst das fach­li­che Pro­blem nicht ver­ste­hen, soll­ten Sie das Ihrem Kind offen sagen – Sie hel­fen ihm damit mehr, als wenn Sie selbst im Nebel her­um­sto­chern, denn Sie ver­wir­ren Ihr Kind unter Umstän­den. Erfah­rungs­ge­mäß steigt übri­gens der Respekt von Kin­dern gegen­über Erwach­se­nen, wenn die­se offen zuge­ben, was sie kön­nen und was nicht. Und noch ein Letz­tes ist wich­tig, wenn auch eigent­lich selbst­ver­ständ­lich:

Eltern sind nicht die Nach­hil­fe­leh­rer der Nati­on. Wenn Sie hel­fen kön­nen, ist das o.k., wenn nicht, ist es auch in Ord­nung. Haupt­ver­ant­wort­lich für die Klä­rung von Unver­stan­de­nem sind die Fach­lehr­kräf­te.

Wenn es gar nicht um das Fach­li­che geht…  Hil­fen im emo­tio­na­len (gefühls­mä­ßi­gen) Bereich

Erzäh­len las­sen!

Kin­der sind oft fach­lich durch­aus in der Lage, eine Auf­ga­be zu erle­di­gen, sind jedoch gefühls­mä­ßig blo­ckiert. Bei­spiels­wei­se bedrü­cken das Kind Pro­ble­me mit Mit­schü­lern, lei­det es unter einem Geschwis­ter, hat es etwas ange­stellt, was es noch nicht gebeich­tet hat, usw. Es gibt sogar, und nicht ein­mal sel­ten, Fäl­le, in denen die Kin­der unter Span­nun­gen zwi­schen Eltern­tei­len so stark lei­den, dass sie geis­tig und see­lisch vor allem mit die­sem The­ma beschäf­tigt sind. Kin­der bekom­men sehr viel mehr mit, als man als Erwach­se­ner meint und hofft!)

Erkun­di­gen Sie sich erst ein­fühl­sam, ob Ihr Kind irgend­ein sol­ches Pro­blem mit sich her­um­schleppt – meist spü­ren Sie als Eltern ja ohne­hin, ob in Ihrem Kin­de etwas „bro­delt”. Die mensch­li­chen Pro­ble­me eines Kin­des müs­sen immer Vor­rang haben vor Schu­le und Haus­auf­ga­ben – und sie haben auch tat­säch­lich und unver­meid­lich Vor­rang, was sich z.B. in dar­aus resul­tie­ren­der Kon­zen­tra­ti­ons­un­fä­hig­keit äußert.

Zuwen­dungs­an­ge­bo­te machen!


„Pro­bie­re es jetzt allei­ne, dei­ne Haus­auf­ga­ben zu machen, denn du kannst das sicher; nur wenn du son­der­li­che Schwie­rig­kei­ten hast, kommst du zu mir. In einer hal­ben Stun­de machst du dann Pau­se und wir rat­schen mit­ein­an­der / spie­len mit­ein­an­der (oder Ähn­li­ches).„
Nicht sel­ten ver­fol­gen Kin­der mit ihrem Ruf nach Hil­fe bei den Haus­auf­ga­ben eigent­lich das Ziel, die kör­per­li­che Nähe und die Zuwen­dung eines Eltern­teils zu gewin­nen. Wenn Sie durch Beob­ach­tung und Über­le­gung erkannt haben, dass die­se Situa­ti­on gege­ben ist, dür­fen Sie das kind­li­che Bedürf­nis nicht ein­fach zurück­wei­sen. Sie müs­sen es ernst neh­men – aber: Es darf nicht zum Dau­er­zu­stand wer­den, dass Ihr Kind sein Bedürf­nis im Zusam­men­hang mit Haus­auf­ga­ben stillt. Machen Sie dem Kind den Vor­schlag:

Zie­hen Sie sich nicht abrupt zurück – und über­le­gen Sie auch, ob Ihr Kind wirk­lich genug von Ihnen hat

Schritt­wei­se Hil­fe zur Selbst­hil­fe bei fach­li­chen Pro­ble­men

Das Kind soll es erst ein­mal sel­ber ver­su­chen!

Gewäh­ren Sie kei­ne Sofort­hil­fe, wenn Sie mer­ken, dass Ihr Kind sich mit der Auf­ga­be noch gar nicht aus­ein­an­der gesetzt hat. Als Hil­fe kön­nen Sie anbie­ten: „Wenn Schwie­rig­kei­ten auf­tau­chen, wenn du gar nicht mehr wei­ter­kommst, dann kom­me ich. Ansons­ten schaue ich dir ger­ne am Schluss die Auf­ga­ben durch.” Der letz­te Satz soll dabei so aus­ge­drückt wer­den, dass er vom Kind nicht als blo­ße Kon­trol­le ver­stan­den wird. Der Ton ist ent­schei­dend! Und den rich­ti­gen Ton zu fin­den gelingt wie­der­um nur, wenn man von der inne­ren Ein­stel­lung her auch tat­säch­lich nicht nur die Kon­trol­le im Sin­ne hat.

Erst Schwie­rig­kei­ten klä­ren!

  • Auf­ga­ben­stel­lung erklä­ren las­sen
  • Vom Kind erklä­ren las­sen, wor­in die Schwie­rig­keit besteht
  • Nach­fra­gen, ob die Schwie­rig­keit in dem oder dem Punkt besteht

Vor jeder wei­ter gehen­den Hil­fe muss die Beant­wor­tung der Fra­ge ste­hen: Was genau beherrscht das Kind nicht? Man darf nicht ver­su­chen, die Haus­auf­ga­ben ein­fach irgend­wie hin­ter sich zu brin­gen und das Unver­ständ­nis bei Teil­schrit­ten zu über­ge­hen. Man darf auch, und das ist beson­ders wich­tig, nicht ein­fach auf selbst ver­mu­te­te und viel­leicht völ­lig unzu­tref­fen­de Schwie­rig­kei­ten auf­bau­en – die Pro­ble­me des Kin­des lie­gen unter Umstän­den ganz woan­ders, und zwar dort, wo Erwach­se­ne es gar nicht ver­mu­ten. Geziel­te Hil­fe ist erst nach einer Ursa­chen­ab­klä­rung mög­lich.

Die Ursa­chen­ana­ly­se muss im Gespräch mit­ein­an­der durch­ge­führt wer­den. Unter Umstän­den soll­te der hel­fen­de Eltern­teil die Aus­füh­run­gen des Kin­des über sei­ne Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten noch­mals mit eige­nen Wor­ten wie­der­ge­ben, um zu prü­fen, ob man die Pro­ble­me wirk­lich rich­tig ver­stan­den hat. Wenn das Kind von sich aus Schwie­rig­kei­ten nicht so recht benen­nen kann, müs­sen Sie ihm natür­lich ver­schie­de­ne Erklä­run­gen für das Unver­ständ­nis anbie­ten.

Die Pro­ble­me lie­gen übri­gens oft im Ver­ständ­nis von Fremd­wör­tern oder Fach­be­grif­fen. Manch­mal zeigt sich auch, dass das Pro­blem in feh­len­dem Grund­wis­sen besteht. Wer z.B. Brü­che berech­nen will, muss tei­len kön­nen, und wird dabei schon Schwie­rig­kei­ten hat, dem hilft kei­ne noch so schö­ne Erklä­rung des Bruch­rech­nens selbst. Lie­gen Schwie­rig­kei­ten die­ser Art vor, soll das Kind das Pro­blem mit Hil­fe des Buches oder Hef­tes selbst klä­ren bzw. die Lücken auf die­se Wei­se schlie­ßen; gelingt dies nicht, kön­nen Sie – wenn Sie es kön­nen! – die Erklä­rung geben. Übri­gens lohnt sich das Auf­he­ben alter Hef­te und ggf. Bücher schon des­halb, weil dann ver­gleichs­wei­se schnell ein „Nach­schla­ge­werk” vor­liegt.

Hil­fen bei unver­stan­de­ner Auf­ga­ben­stel­lung

Wenn Sie in der Lage dazu sind, erklä­ren Sie die Auf­ga­be mit eige­nen Wor­ten bzw. for­mu­lie­ren Sie die Fra­ge­stel­lung um. Machen Sie das aber nicht zu oft! Ihr Kind muss ja in der Lage sein, mit einer vor­ge­ge­be­nen Fra­ge­stel­lung zurecht zu kom­men. Soll­te Ihr Kind mit der Auf­ga­ben­stel­lung immer wie­der Pro­ble­me haben, müs­sen Sie mit dem Fach­leh­rer dar­über reden. Falls Sie die Auf­ga­ben­stel­lung selbst nicht erklä­ren kön­nen, soll­ten Sie Ihr Kind bei einem Mit­schü­ler anru­fen las­sen. Soll­te auch das nichts brin­gen, schrei­ben Sie Ihrem Kind eine Notiz für den Leh­rer ins Heft, dass schon die Auf­ga­ben­stel­lung nicht zu klä­ren war, und unter­schrei­ben Sie. Dann weiß der Leh­rer, was die Ursa­che für eine nicht gemach­te Haus­auf­ga­be ist.

Hil­fen, wenn die Auf­ga­ben­stel­lung klar, die eigent­li­che Bear­bei­tung aber nicht mög­lich ist

indi­rek­te Hil­fen

  • Auf frü­her gemach­te Auf­ga­ben der­sel­ben Art ver­wei­sen!
  • Auf Schul­heft bzw. Buch ver­wei­sen!
  • Unter Umstän­den auch auf Lexi­ka oder der­glei­chen ver­wei­sen!

Ihr Kind wird auf die­se Wei­se ange­regt, über den ja bestehen­den Zusam­men­hang zwi­schen Haus­auf­ga­ben und Unter­richt nach­zu­den­ken, und macht damit die wich­ti­ge Erfah­rung, dass man mit die­ser Metho­de in den meis­ten Fäl­len Schwie­rig­kei­ten beherr­schen kann. Ihr Kind lernt also Selbst­stän­dig­keit.

direk­te Hil­fen

  • Geziel­te Erklä­run­gen geben, um klei­ne­re Lücken zu schlie­ßen!
  • Umfang­rei­che­re Auf­ga­be in Teil­auf­ga­ben zer­le­gen!
  • Ers­ten Teil der Auf­ga­be lösen (bzw. ers­ten Satz einer Über­set­zung bzw. Ein­lei­tung in einem Auf­satz for­mu­lie­ren)!

Der ers­te Schritt fällt bekannt­lich oft sehr schwer, ist er aber getan, dann „fällt der Gro­schen”, und es geht ganz ein­fach wei­ter. „Der ers­te Schritt” heißt in der Pra­xis: der ers­te Satz einer Gram­ma­tik­übung, der ers­te Teil einer Mathe­ma­tik­auf­ga­be, die ers­te von meh­re­ren Fra­gen zu einem Text, die Ein­lei­tung bei einem Auf­satz. Wie bei allen Hil­fen gilt: Sei­en Sie vor­sich­tig und gehen Sie spar­sam mit die­ser Metho­de um! Das Kind darf sich nicht dar­an gewöh­nen, immer den Anfang „ser­viert” zu bekom­men. Ab und an frei­lich kann die­se Hil­fe wirk­lich nötig und sinn­voll sein.

Auf­ga­be Schritt für Schritt gemein­sam bear­bei­ten!

Wenn es nicht gelingt, beim ers­ten Schritt eine Hil­fe zu geben, dann wird es nötig sein, wei­te­re Schrit­te gemein­sam zu bear­bei­ten. Das bedeu­tet aber nicht, dass Vater oder Mut­ter den­ken und dik­tie­ren und das Kind nur noch schreibt. Immer soll es das Kind sein, dass zuerst den nächs­ten Schritt über­legt bzw. die nächs­te For­mu­lie­rung selbst bringt.

Feh­ler sel­ber kor­ri­gie­ren las­sen!

Dem Kind sagt man zunächst nur: „Schau mal, da (in die­ser Zei­le, in die­sem Absatz) ist ein Feh­ler.” Es ent­wi­ckelt dadurch ein Auge für Feh­ler (das muss es ja besit­zen!), erkennt viel­leicht selbst, wor­in der Feh­ler besteht, und ver­bes­sert ihn mög­li­cher­wei­se sel­ber. Auf die­se Wei­se kommt ihm der Feh­ler auch nicht so schlimm vor – eine für das Selbst­be­wusst­sein eher ängst­li­cher Kin­der sehr vor­teil­haf­te Wir­kung!

Auf­ga­be Schritt für Schritt bear­bei­ten las­sen und nach jedem Schritt die Rich­tig­keit über­prü­fen!

Das ist vor allem bei umfang­rei­che­ren Auf­ga­ben nötig bzw. sinn­voll, um zu ver­mei­den, dass ein Feh­ler durch die gan­ze Arbeit gezo­gen wird. Ver­bin­den Sie die Über­prü­fung mit aner­ken­nen­den Wor­ten, wenn das Ergeb­nis stimmt, um das Kind auf­zu­bau­en.

Wenn nötig: Auf­hö­ren!

Soll­ten all die genann­ten Hil­fen nichts fruch­ten, dann soll­ten Sie der unleid­li­chen Ange­le­gen­heit ein Ende set­zen. Viel­leicht hilft es, spä­ter (nach einer Erho­lungs­pau­se) wei­ter­zu­ma­chen. Das Gehirn arbei­tet näm­lich unter­be­wusst wei­ter; viel­leicht haben Sie selbst schon erlebt, dass Sie eine unlös­bar erschei­nen­de Auf­ga­be nach einer Pau­se plötz­lich lösen konn­ten, ja dass Ihnen die Lösung auf ein­mal bei einer ganz ande­ren Tätig­keit ein­fiel. Wenn auch das nichts bringt, schrei­ben Sie Ihrem Kind ein paar Zei­len ins Heft (mit Unter­schrift, damit der Leh­rer weiß, was los ist, und nicht ver­mu­tet, dass eine Haus­auf­ga­be bloß aus Faul­heit nicht gemacht wur­de.

Autor: Alex­an­der Geist, Staat­li­cher Schul­psy­cho­lo­ge

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